Medikamente und Generika: Chaos der Preise ab 1.1.2012 komplett

In den "guten alten Zeiten", also bis etwa vor zehn Jahren, gab das Bundesamt für Gesundheit jeweils im Sommer eine Spezialitätenliste (SL) heraus, die ein Verzeichnis der gültigen Preise der durch die Krankenkassen zu bezahlenden Medikamente enthielt. Ich hatte dann jeweils einige Wochen Zeit, um die Preise der Medikamente im Computer zu mutieren. Das Verzeichnis hatte während eines Jahres Gültigkeit nämlich jeweils vom 15. Juli bis zum 15. Juli des folgenden Jahres.

 

Auch heute erscheint diese Spezialitätenliste des Bundesamtes für Gesundheit weiterhin jedes Jahr. Sie ist etwas dicker geworden, wie alle Verzeichnisse Tendenz haben, dicker zu werden. Gültig ist es nun aber nicht mehr ein Jahr lang sondern zwei Wochen, nämlich vom 15. Juli bis zum 31. Juli desselben Jahres. Im Verlauf der ersten Hälfte des Augusts erscheint das erste Corrigendum der Spezialliste, das rückwirkend ab dem 1. August Gültigkeit hat. So geht das dann Monat für Monat. Unser Softwarehersteller bemüht sich, so rasch als möglich die neu geltenden Preise in unser Praxisabrechnungsprogramm einzuarbeiten. Allerdings dauert das einige Tage, sodass wir in den ersten 10-15 Tagen noch die "alten" Preise im System haben. Das würde ja niemanden stören, wenn die Preise  - wie sonst fast alles im Leben -  steigen würden. Meist sinken die Preise aber, was dazu führt, dass sicher die eine oder andere Krankenkasse uns einen Brief schreibt, dass wir in der Arztrechnung dieses oder jenes Patienten das bestimmt Medikament um z.B. Fr. 2.35 zu teuer in Rechnung gestellt haben, was wir doch bitte korrigieren möchten. Tun wir dann auch jeweils durch Gutschrift auf der nächsten Rechnung. Ich frage mich dann aber jeweils schon, was denn wohl dieser Brief mit Fotokopien der betreffenden Arztrechnung, Briefmarke, Papier, Couvert und Arbeitszeit der armen Control Center-Mitarbeiterin und -Teamleiterin  - die das Ganze schreiben, kontrollieren, unterschreiben und ins Couvert verpacken müssen -  wohl kostet, ...im Vergleich zur beanstandeten Preisdifferenz von Fr. 2.35. Da wären wir ja dann beim Umstand, dass die Administration der Krankenkassen immer 5-6% der Prämieneinnahmen betragen, ganz unabhängig davon, um wieviel die Krankenkassenprämien gestiegen sind und natürlich bei insgesamt gleichbleibender Zahl Versicherter. Das gibt aber ein Thema für einen andern Beitrag ab.

 

So weit, so gut.

 

Wie Sie wissen, gibt es seit einigen Jahren für Medikamente, deren Patentschutz abgelaufen ist, sog. Generika oder zu deutsch: Nachahmermedikamente. Die sind billiger, weil die Hersteller keine Entwicklungskosten investieren müssen und weil die Generikaproduzenten meines Wissens gegenüber Swissmedic (der Medikamentzulassungsbehörde der Schweiz) einzig nachweisen müssen, dass nach einer Generika-Einnahme zwischen 80% und 125% der Wirksubstanz des Originalmedikaments im Blut nachweisbar ist. Eine solche Dosisänderung kann für einzelne Medikamentgruppen, wie z.B. Antidepressiva oder Antiepileptika, die einen eher engen therapeutischen Bereich haben, gefährlich sein.

 

Seit noch nicht langer Zeit vergütet die Krankenkasse bei Generika 90% des Preises und bei den entsprechenden Originalmedikamenten nur 80% des Preises an die Versicherten zurück. Ich habe deshalb in den letzten Jahren mir jeweils anfangs Jahr die Mühe gemacht, für jede Wirksubstanz das billigste der Generika auszuwählen, weil Couchepin ja gesagt habe, dass die Wirkung der Originalmedikamente und der Generika sowieso dieselbe sei und nur der Preis eine Rolle spiele. Und was so ein Bundesrat sagt, stimmt ja sicher.

 

Das hat dann zur Folge gehabt, dass Sie als Patientin oder Patient bisweilen anfangs Jahr nicht mehr das gewohnte Generikum der Firma A sondern dasjenige der Firma B erhalten haben. Wenn ich und damit Sie Pech gehabt haben, hat ein solcher Wechsel im Extremfall eine Wirkstoffvermehrung um 50% oder eine Wirkstoffverminderung um 33% zur Folge (s. vorangehender Absatz).

 

Nun wird es aber auf den 1.1.2012 noch einiges komplizierter: Generika werden nur noch zu 90% von den Krankenkassen rückvergütet, wenn es sich beim gewählten Generikum um eines aus dem günstigsten Drittel aller Generika handelt. Sonst zahlt die Krankenkasse 80% wie beim Originalpräparat. Man könnte meinen, dass mein bisheriges Vorgehen mit der Auswahl des günstigsten Generikums anfangs Jahr eine Art Garantie geben könnte, auf der sicheren Seite hinsichtlich Rückvergütung der Krankenkassen zu sein. Dies ist leider nicht so, weil jeder Generikahersteller 5-Rappenweise versuchen wird, sich im günstigsten Drittel mit seinem Generikum zu positionieren, was bedeutet, dass die Generika sehr ähnliche Preise haben erden und einzelne zu 90% andere unwesentlich teurere zu 80% rückvergütet werden. Als Beispiel soll das Originalmedikament Ponstan 500mg 30 Tbl. zu Fr. 9.35 gelten: Die verfügbaren Generika davon kosten (vom billigsten zum teuersten): Fr. 8.80, Fr. 8.80, Fr. 8.90, Fr. 9.--, Fr. 9.30 und Fr. 9.80. Eines der Generika ist damit gar 5% teurer als das Originalpräparat...

 

Ich habe mich deshalb entschlossen, dieses chaotische Verhalten von Bundesamt und santésuisse nicht mehr mitzumachen und ab 1.1.2012 wieder Originalmedikamente abzugeben, im Wissen so die therapeutische Qualität und Sicherheit besser garantieren zu können.

 

Nachsatz vom 28.3.2012:

 

Erste Erfahrungen haben gezeigt, dass unsere Patienten mit diesem Vorgehen zufrieden sind. Die Anzahl positiver Rückmeldungen hat mich erstaunt.

 

In zwei Punkten habe ich mein Auswahlverfahren seit anfangs Jahr angepasst:

1.  Generika werden bei uns weiter eingesetzt, wenn vom Originalpräparat eine wichtige Dosierung nicht erhältlich ist (z.B. Deroxat in 40mg-Tbl.), und

2.  Wir brauchen zudem Medikamente, die vom gleichen Hersteller in einer Original- und einer Generika-Verpackung (sog. Auto-Generika) mit identischer Tablettenform geliefert werden (z.B. Sortis/Pfizer bzw. Atorvastatin/Pfizer, Atacand/AstraZeneca bzw. Pemzek/AstraZeneka oder Plavix/Sanofi bzw. Clopidogrel/Zentiva-Sanofi).

 

Unsere Entscheidung vom Herbst 2011 betreffend die Abgabe von Originalpräparaten wird nun auch von fachkompetenter Seite her gestützt, z.B. im Artikel von Frau Prof.Dr.med. Karin Fattinger des Inselspitals Bern (http://www.medicalforum.ch/docs/SMF/2012/11/de/smf-01015.pdf).

 

Weitere Informationen finden Sie zudem in folgendem Artikel der Schweiz. Ärztezeitung: http://www.saez.ch/docs/saez/archiv/de/2011/2011-39/2011-39-863.PDF

 

Nachsatz vom 13.8.2012:

 

Offenbar bin ich nicht der Einzige, der den Generika nicht über den Weg traut: Der Branchenverband Intergenerika lässt durch die Werbefirma Swisscontent AG, die sich für das Schreiben und Verbreiten "massgeschneiderter Inhalte" anpreist, in käuflichen Zeitungen wie 20minuten (Ausgabe vom 13.8.2012, S.11/"Wirtschaft - produced by Swisscontent AG") Artikel abdrucken ("Viele Schweizer schrecken noch vor Generika zurück"), die den Absatz von Generika zu unterstützen versuchen. Wie dies bei Werbe-"Journalisten" üblich ist, kennen sie offenbar nur den Teil der Argumentation, der ihnen in die Werbung passt...